Point of View – Mario Sixtus – NOFAC.ES AND MORE

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Der deutsche Journalist Mario Sixtus, geb. in Ratingen, lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin. Er ist bekannt für kluge und feinsinnige Statements, für sein fundiertes Fachwissen und seine knochenharte und trockene Kommentare. Man sollte seine Zeilen nicht flüchtig lesen, denn dahinter informiert er scharfsinnig über interessante wirtschaftliche und technische Entwicklungen, Kommunikationstrends, über die Digitalisierung im Allgemeinen, wie z. B. das WWW unsere Welt verändert und über Internet-Aktivisten und Netzprotagonisten.

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Elle:
Wurden Sie 1965 bereits mit Bleistift und Block geboren? Sehen Sie sich heute als Internet-Experte des Web 2.0?

Mario Sixtus:

Bleistift und Block, das verstehe ich jetzt mal als Symbolik für den Journalismus, habe ich mir erst ziemlich spät zugelegt. Als ich den freien Journalismus zu meinem Hauptberuf machte war ich schon 38 Jahre alt. Also in einem Alter, in dem andere bereits eine mittlere Karriere, einen halb abbezahlten Bausparvertrag und zwei Scheidungen hinter sich haben.

Ich bin ziemlich non-linear zum Journalismus und zur Schreiberei gekommen. Die Kurzfassung: Schule abgebrochen, da mir damals das Musikmachen in irgendwelchen Bands und das damit einhergehende nächtelange Durchfeiern in der Düsseldorfer Altstadt sehr viel verlockender erschienen, als die strategische Vorbereitung auf eine mittlere Karriere, einen halb abbezahlten Bausparvertrag und zwei Scheidungen. Leider wurden allerdings auch damals schon sowohl das nächtelange Durchfeiern, als auch das Produzieren und Verkaufen von Musik – und ich rede von Vinyl(!) und CDs – sehr schlecht vergütet, auch wenn die Musikindustrie und eine Handvoll verschnapst-verklärter Altherren-Musiker heute so tun, als wäre Musik machen seinerzeit eine finanziell sensationell einträgliche Angelegenheit gewesen: Bullshit, war es nicht. Punkt. War es wahrscheinlich noch nie.

Anno 1986 begann ich damit, mit Computern rumzufrickeln, genauer, mit dem Atari ST. Dieser unfassbar großartige Rechner besaß den gleichen Prozessor wie der frühe Apple Macintosh, kostete aber nur einen Bruchteil, und viel wichtiger: Er wurde von den schwarzberollkragenpulloverten, weißekrusteumsnäschenspazierentragenden Werbefritzen – die natürlich alle einen Apple Macintosh für ihren Reklamekram besaßen – , so angesehen wie ein Porschefahrer einen gebrauchter Lada ansieht. Das war für mich damals sehr wichtig, denn ich verachtete die Reklamefuzzies und tat alles, um anders zu sein als sie: also kein schwarzer Rollkragenpullover, kein Koks und kein Apple Macintosh. Abgrenzung ist jungen Menschen bekanntlich sehr wichtig.

Da ich mit der Musik nur minimal besser verdiente als ein professioneller Würstchenbesenfer, verdingte ich mich Ende der Achtziger mit Hilfe meines am Atari erworbenen Computerwissens als Onliner, genauer: Ich erstellte für irgendwelche Firmen Seiten und Angebote im “BTX” dem “Bildschirmtext” der Post. Einige Jahre später schwappte dann dieses Internet aus den USA nach Deutschland, und alle Agenturen suchten verzweifelt nach Menschen, die sich einigermaßen mit diesem Computerzeugs auskannten. So mutierte ich also vom BTX-ler zum Internet-Freelancer und wiederum einige Jahre später zum Internet-Journalisten.

Mich interessiert, wie das Netz unsere Welt verändert, wie es unser Leben umgestaltet, unser Miteinander neu organisiert. Ich bin in der glücklichen Position, keinen Zeitungsverlag, kein Musiklabel und keine Buchhandlung zu besitzen und kann mir deswegen den Luxus erlauben, ohne Verlustängste auf den Wandel zu schauen und darüber zu berichten. Letzteres mache ich nun schon etliche Jahre und vermutlich macht mich das schon zu einer Art Experten für den Digitalen Wandel.

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Elle:
Zu lesen sind Ihre Artikel außer im Handelsblatt, im Focus, in Der Zeit, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sowie in Fachzeitschriften. Für die Verlagsgruppe Handelsblatt, Herausgeber von “Handelsblatt” und “WirtschaftsWoche” produzierten Sie vor ein paar Jahren den Video-Podcast Elektrischer Reporter, wofür Sie u. a. den Grimme Online Award erhielt. Noch immer, aber mehr in Magazin-Form wird “Der Elektrische Reporter” mit Themen rund über Netzkultur, E-Politik, Web-Trends und digitale Visionen auf ZDFinfo ausgestrahlt.


Was wäre in Ihrer journalistischen Laufbahn Ihr absolutes Wunsch-Medium, wenn Sie für ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt und hier an dieser Stelle auch verraten sollten, die Wahl hätten?

Mario Sixtus:

Zunächst muss ich korrigieren: Für die genannten Medien habe ich zwar allesamt geschrieben, in letzter Zeit allerdings nicht mehr, da ich mich hauptsächlich auf die wöchentliche Produktion des “Elektrischen Reporters” konzentriere. Auch mein Blog war in der letzten Zeit offline und ich habe es erst kürzlich wieder reanimiert.

Aber gut, kommen wir zur Wunschzeit: Das, was ich derzeit mache, kommt meiner Wunschvorstellung schon sehr nahe. Ich empfinde es als ausgesprochen luxuriös, nicht nur in einer Zeit des Umbruchs zu leben, sondern mich auch noch beruflich mit diesem Umbruch beschäftigen zu dürfen. Das ist tatsächlich phänomenal. Auch die Produktion bewegter Bilder ist etwas, was ich eigentlich schon immer machen wollte, durch die Non-Linearität meiner Berufslaufbahn aber erst spät dazu gekommen bin. Aber nun eben doch! Was manchmal ein wenig schwierig ist, ist die zeitliche Beschränkung, die so einer Fernsehsendung innewohnt. Wir produzieren jede Woche zwei Beiträge á viereinhalb Minuten. Das ist schon sehr formatiert, und in dieses Format lässt sich leider nicht jedes Thema pressen. Da wir also bei Wünschen sind: etwas mehr Flexibilität, etwas mehr Zeit, auch mal längere Beiträge, vielleicht auch mal einen Dokumentarfilm, und auf jeden Fall möchte ich irgendwann auch nochmal einen fiktionalen Film drehen. Ob für Fernsehen, Web oder Kino ist mir dabei ziemlich egal.

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Elle:
Gemeinsam mit dem Journalisten, Blogger und Werbetexter Sascha Lobo waren Sie in 3sat in der Satire Sixtus vs. Lobo zu sehen. Was verbindet Sie heute noch mit Sascha? Und sind Sie auch seiner Meinung: “Das Internet ist kaputt”? Sie meinten mal das Internet ist nicht so böse. Sind Sie ein Netzeuphoriker?

Mario Sixtus:

Damals auf 3sat spielten Sascha und ich sehr eindeutige Rollen: Er gab den Netzeuphoriker, den Web-Spinner, den Digital-Träumer, ich hingegen verkörperte die konservativen Beharrungskräfte, das Ängstliche, das nicht will, dass sich irgend etwas ändert. Das waren natürlich ausgedachte Positionen, die damals wie heute ziemlich wenig damit zu tun hatten, wie Sascha oder ich in Wahrheit das Netz und die Welt beurteilten. Vielleicht ist es heute tatsächlich ein wenig andersherum und ich bin inzwischen netzeuphorischer als Sascha es jemals war. Ich bin jedenfalls nach wie vor fest davon überzeugt, dass das Netz unser aller Leben zum Positiven verändert – trotz NSA, BND und CDU, trotz Spam und Trollen, trotz Heftig.co und Co.

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Elle:
Sie haben die Fotografie für sich entdeckt. Nicht nur als Ausgleich, mit der Fotografie können wir Emotionen transportieren und Aussagen verstärken. Wie ist die Idee zu diesem Ongoing Fotografie-Projekt NOFAC.ES enstanden? Die Scharz-Weiß-Bilder wurden nach dem Zitat des sowjetischen Dichters Vladimir Vladimirovich Mayakovsky: “In order to laugh, you have to have a face” in Berlin, Düsseldorf, New York City, San Francisco und Tokio aufgenommen.

Mario Sixtus:

Ich bin ja in vielerlei Hinsicht ein Spätentwickler und in der Fotografie eben auch. Anno 2009 entdeckte ich Fotoapparate von Leica und dadurch die Fotografie – in dieser Reihenfolge. Da die Konzepte “Hobby” und “zum Freizeitvergnügen” in meinem Leben nicht stattfinden, habe ich von Anfang an sehr viel Zeit, Ged und Energie in die Fotografie investiert. Und langsam kommt so etwas ähnliches wie Erfolg zurück: In diesem Jahr hatte ich meine erste Fotoaustellung in Berlin, ein paar meiner Fotos hängen auf einer Gruppenausstellung in Rom und auf sixtus.pics kann man Abzüge und Drucke meiner Bilder kaufen. Ein wesentlich größerer teil meiner Fotos findet sich auf Flickr. Ich veröffentliche alle meine Bilder unter einer Creative-Commons-Lizenz, die eine Nutzung und Weitergabe für nichtkommerzielle Zwecke erlaubt.

NOFAC.ES ist eine relativ neue Fotoserie, mit der ich vor ca. einem Jahr begonnen habe. Ich glaube das Konzept erschließt sich jedem direkt: Es sind Fotos von Menschen, die ohne Gesichter abgebildet sind. Die Gesichter sind verdeckt, im Schatten oder aus sonstigen Gründen nicht mitfotografiert. Meine interne Regel dazu lautet: kein Foto ist gestellt, was auch beinahe immer klappt. Es sind also Schnappschüsse oder “Street Shots” wie viele Fotografen lieber sagen.

NOFAC.ES hat viele Wurzeln. Zum einen die ganz speziell in Deutschland besonders große Foto-Paranoia. Es ist praktisch unmöglich, auf der Straße zu fotografieren, da über kurz oder lang irgend jemand einen Aufstand anzettelt, weil er glaubt, fotografiert worden zu sein. Mit dieser Fotoserie schaffe ich es, Menschen zu fotografieren, ohne dass sie zu erkennen sind: eine Art selbst gebasteltes Paradoxon. Und damit berührt die Serie auch eine Menge Felder, die durch Technologien gerade sehr erschüttert werden: Privatsphäre, Öffentlichkeit, Öffentlicher Raum, Überwachung, Selbstdarstellung, Gesichtserkennung, Identifizierbarkeit, Identität und so weiter. Mit all diesen Aspekten spielt NOFAC.ES.

Speziell wenn ich auf Reisen bin, habe ich mittlerweile eine Art permanent laufende Subroutine im Sehzentrum, die immer auf der Suche ist nach Räumen oder Gegenständen, die einen Menschen gesichtslos aussehen lassen. NOFAC.ES 22 ist beispielsweise ein Resultat geduldigen Wartens, ebenso NOFAC.ES 20 NOFAC.ES 23 und 17 sind hingegen einfach in meinem Gesichtsfeld passiert und ich musste nur schnell genug drauf halten. Es ist manchmal ein wenig ZEN: Man darf es nicht wollen, dann ergibt es sich von alleine – aber das muss man dann erkennen.

Elle:
Ein ganz herzliches Dankeschön für dieses Interview!


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NOFAC.ES
sixtus.pics
Flickr

Salut, je m'apelle Elle, Visionärin. Ich bin "full of energy", freaky und selbstkritisch. Ich lasse immer mein Herz sprechen, versäume aber nie auch den power-button für's Hirn zu pushen. Ich bin kompromissbereit in wichtigen Dingen und denke oftmals in vielen Dimensionen, was aber für Innovationen und spannende Projekte hilfreich ist. Das World Wide Web mit dem unendlichen Informationsfluss von Neuem fasziniert mich immer wieder. Als meine Passion sehe ich Kunst, Design, Fotografie und Musik. Ich bin genauso unkonventionell wie mein Humor. coultique is my wonderland - frei nach Alice - "Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet".

One thought on “Point of View – Mario Sixtus – NOFAC.ES AND MORE

  • Reply Danke für die Fragen! | Mario Sixtus 19. Juni 2014 at 11:12

    […] Über Blocks und Bleistifte, über den Atari ST, über Zeiten des Umbruchs, über Netzeuphorie, über Fotografie und über NOFAC.ES habe ich mit Coultique gesprochen. […]

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