Kleine Welten – Frank Kunert


Seine „Kleine Welten“ sind skurrile Fotowerke. Humorvoll und faszinierend gestaltet, lassen sie einen lange verweilen und beim Schauen neue Details erkennen.

Frank Kunert wurde 1963 in Frankfurt geboren, nach seinem Abitur absolvierte er eine Fotografenlehre. Wichtige Erfahrungen machte er in verschiedenen Fotostudios als Fotoassistent, bis er sich 1992 selbständig machte und sich spezialisierte.





Elle:
Seit einigen Jahren widmen Sie sich hauptsächlich dem Gestalten und Fotografien Ihrer „Kleinen Welten“. Wie wurde ursprünglich diese Idee geboren, gab es einen bestimmten Auslöser? Haben Sie auch eine besondere Vorliebe für die Architektur?

Frank Kunert:

Ich glaube, dass es einen ganz bestimmten Auslöser nicht gab. Hinter meiner Arbeitsweise steckt in erster Line wahrscheinlich mein Bedürfnis, im stillen Kämmerlein vor mich hin werkeln zu können. Das war auch schon als Kind so, und nach meinen ersten Erfahrungen mit der Fotografie im Studio habe ich auch gemerkt, dass mir eine gewisse Unabhängigkeit von den Einflüssen der Welt „da draußen“ ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit zugleich gab. Ich konnte mir Zeit lassen und war unabhängig von Wetter und Tageszeit. Natürlich waren während meiner Ausbildung zum Fotografen und auch später bei Auftragsarbeiten im Studio die Freiheiten nicht ganz so groß, denn schließlich galt es, Kundenwünsche zu erfüllen: Wasserhähne und Hifi-Anlagen mussten materialgerecht fotografiert werden, und das war natürlich auch mit Zeitdruck verbunden. Schwierig war und ist es zudem immer wieder, dass es meist nicht die eigenen Gestaltungsideen sind, die dem Kunden am Ende präsentiert werden müssen. Auch wenn diese Ausführungen nicht direkt mit meinen „Kleinen Welten“ zu tun haben, so haben meine Erfahrungen mit der Auftragsfotografie mein Bedürfnis noch mehr gesteigert, unabhängig und im Stillen meine Welt zu gestalten – und diese Welt hat auch mit Architektur zu tun. Denn mit welchen Gebäuden sich der Mensch umgibt, in was für einer Umgebung er lebt, sagt einiges aus über die Gesellschaft und über die Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen. Naürlich schaue ich mir gerne schöne und interessante Häuser an, aber mein Interesse gilt auch den banalen und eher schäbigen Bauten, die ihre Schrammen haben und Geschichten erzählen.



Elle:
Nach der Idee, entsteht der Entwurf, das handwerkliche Umsetzen einer dreidimensionalen Szene und dann wird das Modell mit Kamera und Blitzlicht zu einer täuschend echt wirkenden realen Kulisse.

Sie fotografieren analog und Fotomontage/Computeranimation sind für Sie kein Thema. Sehen Sie es auch als eine Herausforderung der Digitalisierung die Stirn zu bieten und für den Betrachter diese wunderschönen Bildergebnisse, zwar mit immensen Aufwand, aber auch mit künstlerischem hohen Wert, zu produzieren?

Frank Kunert:

Danke für die Worte „diese wunderschönen Bildergebnisse“! Eine gute Frage. Ich weiß nicht, ob die Herausforderung, der Digitalisierung die Stirn zu bieten, zu groß wäre. Aber ich sehe, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn man sich in einer immer schneller und abstrakter werdenden Welt der eigenen Ungeduld ausliefern und bei jeder neuen Arbeit Geduld üben muss. Und das geschieht dann mit den Händen und ganz direkten Erfahrungen. Es sind dann immer wieder scheinbare Umwege und gerade auch „Fehler“ bei der Gestaltung, denen ich begegnen muss. Ich glaube, dass die Ergebnisse auf diesem Weg eben nicht nur von einer anderen Stofflichkeit oder Komposition bestimmt sind, sondern dass ich durch die Langsamkeit auch bei vielen Details ganz anders überlege, wie ich was mache. Obwohl ich natürlich auch weiß, dass auch gerade bei gut gemachten Fotomontagen nicht alles mit zwei Mausklicks erledigt ist. Aber es ist auch die Improvisation, die meine Arbeitsweise für mich so reizvoll macht. Ich sitze zum Beispiel da und überlege mir, was ich bei einer Kneipentür oder einem –fenster als Glasscheibe nehmen kann. Und dann entdecke ich meiner Verpackungsmüllschublade, in der ich vieles sammle, was ich vielleicht irgendwann mal gebrauchen kann, eine Käseverpackung, die genau die Riffelung aufweist, die ich passend finde. Und das macht dann richtig Spaß. Dann entsteht allmählich eine Geschichte, etwas Lebendiges in meinem Kopf.



Elle:
Wir haben tagtäglich mit einer extremen Reizüberflutung zu tun, das Unterhaltungsangebot wächst ständig, ein „Berieslungsangebot“ ohnegleichen. Was können wir tun, damit wir unsere Einbildungskraft, unsere ganz eigene Fantasie nicht verlieren.

Frank Kunert:

Das frage ich mich auch immer wieder. Und zum Unterhaltungsangebot kommen ja noch all die Forderungen von außen, die in zunehmendem Maße auf einen einhämmern. Manchmal habe ich dann Angst, keine Ideen mehr zu haben und habe das Gefühl, dass meine Fantasie in der hintersten Ecke eingepfercht ist. Ich glaube, dass es gerade in solchen Momenten, wenn man dies merkt, wichtig ist, darauf zu achten, sich Freiräume zu schaffen. Rausgehen, Natur, Ruhe – oder wenigstens mal ein paar Momente innehalten und eine Ahnung von freien Gedanken aufkommen lassen. Dann komme ich jedenfalls meist wieder zum Elementaren. Und die Fantasie tritt aus der Ecke heraus und freut sich.



Elle:
Mit „Mit Balkon“ entstand eine besondere Arbeit der Werkreihe „Fotografien kleiner Welten“. Wie entsteht eine Idee?



Frank Kunert:

„Mit Balkon“ ist auch für mich nach wie vor einer meiner Favoriten. Die Entstehungsweise war in diesem Fall von der Idee bestimmt, dass viele Entwicklungen im Leben, viele Dinge in Beziehungen von Menschen zueinander nicht wirklich passen und wirkliche Begegnung nicht möglich ist, aber es läuft trotzdem immer weiter. Weil: Es muss ja. Der Titel und die „Rahmenhandlung“ geht dann aber einen anderen Weg, der eigentlich so tut, als sei nichts – eine Art Alibi. Dies geht bei vielen meiner Bilder so. Die Titelgebung ist mir meist wichtig, und oft geht die Ideenfindung auch hiervon aus. Ich spiele mit den Gedanken, mit Bedeutungen und Fantasien, und dann versuche ich, dies weiterzuspinnen und in ein zugespitztes Szenario zu übertragen, das das Groteske auf den Punkt bringt.



Elle:
Mit welchen Augen sollen wir Ihre Bilder sehen, wie lautet ihre Botschaft?

Frank Kunert:

Die Botschaft sind die Bilder selbst, und die kommt sehr unterschiedlich rüber, und ich finde es immer wieder interessant, wie verschieden Menschen auf meine Bilder reagieren. Da sind jene, die finden sie einfach nur lustig, und andere spüren das Tragische. Ich freue mich immer, wenn Betrachter das Ambivalente in meinen Fotos sehen. Denn der Humor entsteht letztendlich aus dem Traurigen, dem Tragischen oder dem Scheitern. Das Leben ist ja eigentlich eine absurde Veranstaltung. Wie werden auf die Erde geworfen, bleiben eine Weile dort und werden dann wieder von ihr verschluckt. Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas mit meinen Bildern zu tun hat, aber es hat sicher seine Auswirkungen.



Vielen herzlichen Dank an Frank Kunert für die Ermöglichung dieses Artikels!


Von Frank Kunert gibt es auch einen Bildband „Verkehrte Welt“ – Hatje Cantz Verlag sowie ein Wandkalender 2012 – sehr empfehlenswert!!!

Frank Kunert Webseite

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2 Kommentare

  • Felix am 02.03.2012 um 00:11 Uhr:

    Super Serie – toller Einblick :-) Weiter so!

    • Elle am 07.03.2012 um 01:31 Uhr:

      Vielen Dank, Felix!

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