André M. Hünseler – Der Pixelmagier


Der sympathische 29-jährige Fotokünstler aus Köln begeisterte sich schon zu seiner Schulzeit für CGI und Photoshop, widmete sich anschließend einige Jahre der Fotografie und vereint heute das Beste aus beiden Welten in seinen freien Werken und Fotodesign-Leistungen, welche von Werbeagenturen, Verlagen und Galerien geschätzt werden.

Neben seiner Städte- und Architektur-Fotografie, mit der Hünseler überwiegend seinen Lebensunterhalt bestreitet, widmet er sich im Bereich vor allem außergewöhnlichen Charakteren und Bildwelten.

Seit ca. vier Jahren fotografiert er mit Vorliebe schöne Ladies aus der Gothic-Szene, sowie Musiker und Schauspieler, welche sich von seinem ungewöhnlich illustrativen Bildstil und seinem Händchen für saubere Retusche sehr angesprochen fühlen. Ebenfalls wird er durch seinen Kult-Status in der Szene gern von Musik-Magazinen für Festivals und Konzerte als Fotograf gebucht.

Seine digitale Bildbearbeitung bezeichnet André M. Hünseler gern schmunzelnd als „Image Mastering“. Dabei sieht er ein einfaches Foto oft nur als Arbeitsgrundlage für seine fertigen Werke. „Alles Wesentliche muss in der Fotografie bereits vorhanden sein, die Grundstimmung und der Charakter eines Bildes. Das Zusammenspiel von Farben und Bilddetails lässt sich jedoch meist im Nachhinein noch deutlich verbessern, und durch eine Abstimmung von verschiedenen Helligkeiten im Bild der Blick des Betrachters auf das lenken, was ich ihm zeigen will, oder durch Farbstimmungen eine bestimmte Emotion transportieren, die ich während der Aufnahme empfunden habe. Als besonders gelungen empfinde ich dabei Aufnahmen, die im Betrachter eine Sehnsucht nach einem Ort auslösen“, so Hünseler.

Köln














Elle:
Von deinen tollen Fotografien von Köln, New York, Melbourne, Los Angeles, deinen Aufnahmen, die die Schönheit des Verfalls dokumentieren und auch deinen Luftaufnahmen war ich sofort hingerissen. Das mag wohl auch an der eigens entwickelten Arbeitstechnik von dir liegen. Du erstellst Aufnahmen mit erweitertem Dynamikumfang. Was genau ist darunter zu verstehen?

André M. Hünseler:

Nun, der Dynamikumfang, das ist salopp ausgedrückt die Anzahl der Abstufungen zwischen maximaler Helligkeit und maximalen Tiefen in einer Aufnahme. Eine Digitalkamera vermag es in der Regel nicht, den gleichen Dynamikumfang abzubilden, wie das menschliche Auge. Das liegt daran, dass wir mit unseren Augen eine Szene anders wahrnehmen, als es eine Kamera tut. Wir lassen unseren Blick über eine Szenerie schweifen, und dabei passt unser Auge bei jedem Detail auf das wir blicken, seine Helligkeit an. Schaun wir bei Nacht auf eine Straßenlaterne, zieht sich unsere Iris zusammen, wie etwa eine Blende bei einer Kamera, und wir können Details auch noch im hellen Licht sehen. Blicken wir hingegen auf eine dunkle Stelle, öffnet sich unsere Iris und wir sehen auch dort im Schatten Details. Das geschieht im Bruchteil von Sekunden und ist uns selten aktiv bewusst. Wenn wir jedoch mit einer Kamera eine Szene fotografieren, fotografieren wir nicht jede Stelle einzeln, sondern die ganze Szene in einem Bild. Dafür suchen wir eine mittlere Belichtung aus, die den größten Teil der Szene korrekt abbildet, in den hellen Lichtern und dunklen Tiefen gehen dabei jedoch meist Zeichnungen verloren. Zu Dunkles versinkt im Schwarz während zu Helles weiß überstrahlt, obwohl wir mit unseren eigenen Augen dort noch mehr erkennen können, als unser fertiges Foto uns zeigt.

New York




Wenn wir also ein Bild haben wollen, das unserer Wahrnehmung einer Szene näher kommt, müssen wir den Dynamikbereich der Kamera künstlich erweitern. Dafür gibt es ja bereits einige Verfahren – das wohl populärste dürfte die HDR-Technik sein. Ich persönlich habe auch viel mit HDRI experimentiert, fand jedoch immer, dass mich dieser Workflow zu leicht zu unwirklich illustrativen Werken verleitete. Letztendlich ist ja auch die Kritik vieler professioneller Fotografen am HDR-Boom, dass es zu viele schlechte, zu surreale Aufnahmen durch diesen Trend gibt. Das ist jedoch nicht die Schuld der Technik, sondern derer, die sie bedienen. Ich habe sehr viele sehr gute und glaubwürdige HDR-Aufnahmen gesehen, die von Leuten mit Ahnung und Talent gemacht wurden, im Bestreben lediglich technische Hürden zu überwinden, ohne in Extreme zu verfallen, und dafür applaudiere ich diesen Künstlern. Für mich selbst habe ich jedoch entschieden, dass mir dieser Workflow nicht liegt, und habe mir meinen eigenen gebastelt, den ich „aDRI“ für „advanced Dynamic Range Increase“ nenne. Dieser nutzt die Möglichkeiten der Stapelmodi von Photoshop Extended um eine Belichtungsreihe ähnlich dem ebenfalls bekannten „Exposure Fusion“ Verfahren mit einander zu verrechnen; anschließend kommen einige Filter zur Anwendung um gezielt die Zeichnungen in den Lichtern, den Tiefen und die Mikrokontraste zu beeinflussen.

Melbourne




Los Angeles








Dies gibt mir die Möglichkeit, sowohl ein vollkommen natürlich wirkendes und dennoch dynamikerweitertes Bild zu erhalten, oder ein illustrativ-surreales, und ich kann diesen „Effekt“ anschließend stufenlos einstellen, und eine Aufnahme gezielt wirklicher oder unwirklicher werden lassen, je nachdem, was gerade am besten zur jeweiligen Szene passt. Diesen Grad an Kontrolle habe ich bei HDRI immer vermisst, was natürlich aber auch einfach an meiner Bedienung gelegen haben mag. Ganz uninteressant wird HDRI für mich nie werden, aber aktuell gelange ich mit meinem Workflow zu Ergebnissen, die mir besser gefallen.

Elle:
Im DuMont Kalenderverlag erscheint am 26. Mai von dir der Kalender „Köln bei Nacht 2012“ mit spektakulären Nachtaufnahmen deiner Heimatstadt. Diese scheint es dir ja angetan zu haben, denn ich erinnere mich, dass du 2009 mit einem 8000 Megapixel großen Köln-Panorama sogar den Rekord für das fünftgrößte Foto der Welt geschossen hast. Wie ist bei einem solchen Projekt deine Vorgehensweise?

André M. Hünseler:

Ja, man spricht dann auch von Gigapixel-Fotografie, eines meiner weiteren Steckenpferde, wenn man jenseits von 1000 Megapixel Auflösung fotografiert. Das kann man sich vorstellen wie bei Google Earth, man hat also ein Foto, an das man immer weiter heran zoomen kann und immer neue Details kommen zum Vorschein – lediglich aus einem interessanteren Blickwinkel, als der Kartenperspektive von oben. Die Technik ist dabei aber im Grunde die gleiche: Man fotografiert sehr sehr viele Einzelfotos, die sich alle zu einem gewissen Anteil – meist 25-30% – überlappen, und später werden diese zu einem riesigen Gesamtbild zusammengerechnet. Dabei suche ich mir zuerst einmal mein Gesamtmotiv aus, und mit Hilfe von Blickwinkel, Brennweite und Auflösung der Kamera lässt sich dann ausrechnen, wie groß das fertige Bild wird, respektive wenn ich eine Vorgabe für letzteres habe, welchen Blickwinkel oder Brennweite ich zu verwenden habe. Heute nutze ich eine Art Aufnahmeroboter für diese Aufgabe, der mir einen Großteil der oft sehr zeitintensiven Arbeit abnimmt. Mein Köln-Panorama damals war jedoch noch gänzlich von Hand geschossen und bestand aus ca. 600 Einzelfotos.

360° Panorama | Media Park bei Nacht


Elle:
Wenn eine Städte-Foto-Safari ansteht orientierst du dich über Google Earth als Informationsquelle, um über die Lichtverhältnisse (wann und wo welches Licht einfällt) Bescheid zu wissen. Was ist dein nächstes Aktionskunstwerk? Wo geht es hin? Kannst du uns schon etwas verraten?

André M. Hünseler:

Im Juni gibt es erst einmal noch eine große Ausstellung meine Kölner Stadtaufnahmen in der Galerie „THE ARTROOM“ hier in Köln, für die ich eigens noch einige neue Kölner Blickwinkel schießen werde. Ich würde gern auch noch einmal nach New York, da diese atemberaubende Stadt bei meinem letzten Besuch leider viel zu kurz gekommen ist, wegen eines schweren mehrtägigen Unwetters, das jegliche anspruchsvolle Fotografie völlig unmöglich machte. Darüber hinaus habe ich im Gigapixelbereich ein Kunstprojekt geplant, das jedoch technisch so anspruchsvoll ausgelegt ist, dass ich dafür erst noch ein paar Hürden überwinden muss, um möglich zu machen, was mir viele als unmöglich darstellen. Schaun wir mal, ob’s gelingt…

“What makes life so complicated is the missing Crtl+Z shortcut.” (André M. Hünseler)



Elle:
Vielen Dank, André, für deine spontane Zusage und für diese schönen Bilder hier in Coultique.

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Ein Kommentar

  • Gilly am 10.05.2011 um 01:04 Uhr:

    Fantastische Fotos! Wobei die Effekte bei Nacht deutlich “schnieker” aussehen als bei den bei Tag aufgenommenen Bildern.

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