Point of View – Marius Schwager – Snowflakes


Marius Schwager, 29 Jahre, ist Sportwissenschaftler (M.A., darunter Politikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre) und Journalist. Die Bilder und Worte, die man auf seinem Blog findet, spiegeln seine Passion wieder. Er liebt die Natur, die Berge, die Herausforderung und die Erkundung der natürlichen und sozialen Welt.

Elle:
Ein Teil des Social-Media-Umfelds ist die virtuelle Welt, eine gänzlich andere, als die der Extremsportarten, bei denen alle Sinne gefragt sind. Wie verbindest du deine journalistische Tätigkeit, deine Web-Konzepte mit deinen sportlichen Aktivitäten und der Liebe zur Natur?

Marius:

Ich versuche meine Erlebnisse in der Natur anderen Menschen zugänglich zu machen, die ebenso Freude an der Schönheit der Natur haben und auch Spaß an der sportlichen Betätigung finden. Die virtuelle Realität bietet hierzu tolle Möglichkeiten diese Erlebnisse einem relativ breiten Publikum ohne großen Einsatz oder Aufwand zugänglich zu machen. Einer der wichtigsten Sinne beim Sport in der Natur ist der visuelle. Eine saftig grüne Almwiese, eine schneebedeckte Schneeflanke oder ein zerklüfteter Bergrücken über den gerade eine Wolke zieht oder ein Skifahrer, der gerade lächelnd einen Schwung in den frischen Neuschnee zirkelt: All dies sind Bilder, die viele Menschen gerne sehen und die sie antreiben. So auch mich. Doch das Naturerlebnis ist mehr als nur das Visuelle. Diese Vielfalt versuche ich durch meine Bilder und Texte aus meiner Sicht zu verarbeiten. Ich freue mich, wenn ich damit anderen Menschen eine Freude mache und sie selbst diese Erlebnisse versuchen zu erfahren.



Elle:
Was reizt dich besonders an der Fotografie, abgesehen davon, Erlebnisse und Ereignisse als Erinnerung in Bildern festzuhalten?

Marius:

Durch die Fotografie ist es meiner Meinung nach möglich, bestimmte Aspekte eines Ereignisses gezielt zu betrachten. Ein und dieselbe Millisekunde beim Sport oder einfach irgendwo draußen kann die Umwelt durch verschiedene Blickwinkel sehr differenziert wahrgenommen werden. Diesen Effekt kann man durch Bilder sehr gut festhalten, einfrieren und ihn unterschiedlich interpretieren.

Beim Sport und insbesondere beim Freeriden mit Ski hat dies den besonderen Reiz, dass eine Szene nur ein einziges Mal stattfindet und nur sehr schwierig zu wiederholen ist, da viele Faktoren stimmen müssen, bis man beispielsweise eine steile Tiefschneeabfahrt so perfekt erwischt. Wenn der Fahrer dann zur Abfahrt ansetzt und seine Spur in den Hang zieht, bleibt sie dort womöglich für einige Monate und die Szene kann erst im nächsten oder übernächsten Winter wieder genau so wiederholt werden – wenn überhaupt.

Zudem herrscht ein großer Kontrast zwischen dieser schnellen Sportart in der Langsamkeit der natürlichen Veränderung vor, der eine ungeheure Spannung aufbaut. Und auch die Bewegung eines Skifahrers oder Snowboarders ist an sich sehr ästhetisch mit den runden Bewegungsformen. Der Sportler spielt förmlich mit den einzelnen Schneekristallen, die in der Sonne glitzern, sobald sie aufgewirbelt werden. Dies alles vor der atemberaubenden Kulisse, die mal sanft und mal bedrohlich wirken kann, das macht meiner Meinung nach den Reiz aus, genau diese Sportart bevorzugt vor die Linse zu nehmen. Und letztlich hat mich auch genau dieser Reiz vor 2-3 Jahren dazu gebracht, mit der Fotografie anzufangen. Das Spannende daran ist, dass man jeden Tag dazu lernt, und neue Facetten entdecken kann.



Elle:
Welche Sportarten hast du schon ausprobiert und welche sind letztendlich, wie z. B. das Skifahren und Snowboarden, für dich persönliche Favoriten. Was gibt Sport dir?

Marius:

Probiert habe ich schon einiges und würde auch noch gerne viel mehr machen. Klassisch „deutsch“ ist natürlich das Fußballspielen mit Freunden. Schwimmen finde ich als Ausgleichs- und Gesundheitssport hervorragend, aber auch Badminton, Trekking, Rodeln, joggen und einiges mehr betreibe ich einigermaßen regelmäßig. Ganz oben steht aber Skifahren gefolgt, von alpinem Mountainbiken und Trekking. Die Freiheit in den Bergen, die Einsamkeit, die Schönheit der Natur, die Verantwortung für das eigene Handeln, die Unabhängigkeit von Entscheidungen anderer, die Gruppendynamik in einer Handvoll guter Freerider und die sportlichen Herausforderung gemischt mit dem Adrenalin-Ausstoß beim Abfahren sind eine Kombination, die für mich unerreicht sind. Sportliche Herausforderung, Genuss der Leichtigkeit des Seins, Entspannung vom stressigen Stadtleben, Spiel mit den Elementen, intensives Erfühlen des eigenen Lebens und Inspiration für neue Projekte. Sport, und insbesondere Bergsport kann für mich daher Vieles sein. Und genau diese Vielfalt ist es, die mich immer wieder dazu antreibt, die Strapazen auf sich zu nehmen, die damit oftmals verbunden sind um diese Erlebnisse genießen zu dürfen.



Elle:
Hattest du auch ein Erlebnis, dass dich an die Grenzen deiner Selbst gebracht hat?

Marius:

Ja, durchaus und ich bin sicher nicht stolz darauf in so eine Situation gekommen zu sein. Beim Bergsport kommt es schon mal vor, dass etwas nicht ganz so klappt wie geplant oder man Fehler macht oder man Opfer unglücklicher Umstände wird. Das wichtigste ist, dass man dann mit der Situation angemessen umgeht und versucht das Beste daraus zu machen. Ich kann mich da beispielsweise an einen Freeridehang im Frühling erinnern, den wir nicht hätten fahren sollen, uns aber durch den schönen Tagesverlauf dazu haben verleiten lassen. Das wäre beinahe mächtig in die Hose gegangen. Es ist sicher kein tolles Gefühl, wenn einem die Lawinen reihenweise um die Ohren donnern, und 200 Meter neben dir noch Sprengladungen des Lawinendienstes detonieren. Doch mit der meiner Skipartnerin haben wir uns da entsprechend den Umständen noch gut, d.h. ohne Unglück, aus der Affäre gezogen. Das hat auch gezeigt, wie wichtig es ist, beim Bergsport einen klaren Kopf zu bewahren und auch seine Begleitung weise zu wählen. Wir haben beide aus unserem Fehler gelernt, und so etwas wird uns sicher nicht ein zweites Mal passieren.

Körperlich meint man zwar desöfteren, dass man jetzt gerade an einer Grenze angelangt ist, oft ist es aber der Kopf, der die Grenzen bestimmt. Ob man nach 12 Stunden Aufstieg bei einer Tour und zwei Nächten quasi ohne Schlaf noch weiter geht, oder bei über 100 Km/h Wind wirklich noch einen weitere Schritt gegen die Natur machen wird, bestimmt oft der Kopf und nicht der Körper. Nach einigen Tagen intensiven Bergsport, kann man aber schonmal geistig sehr ausgelaugt sein, da die Spannung und Konzentration zuvor sehr groß waren. Da merkt, man dann im Nachhinein, dass man an seiner geistigen Grenze agiert hat.



Elle:
Bei Sport kann es im Allgemeinen immer zu Unfällen kommen, bei extremeren Sportarten ist die Gefahr natürlich größer. Bist du ein Sicherheitsdenker oder gehst du im Leben auch gerne auf Risiko.

Marius:

Ich sehe mich selbst eigentlich als sehr risikobewussten und vorsichtigen Menschen. Für Außenstehenden mögen so manche Aktionen am Berg sicherlich sehr halsbrecherisch aussehen, in Wahrheit wähle ich aber sehr gezielt die Risiken aus, die ich bereit bin einzugehen. Nur wenn ich mir sicher bin, dass ich mit den Gefahren einer bestimmten Situation umgehen kann und noch ein Restpuffer vorhanden, gehe ich dieses Risiko auch ein. Bei vielen Abenteuern oder Skiabfahrten sage ich oftmals „nein“ und verzichte, statt das letzte bisschen Risiko herauszukitzeln. Daher sehe ich mich auch überhaupt nicht als Extremsportler. Im Gegenteil, ich habe auch Spaß an einer genüßlichen Skitour auf einem flachen Hang und freue mich über das schöne Wetter, die tolle Aussicht, ein gutes Buch oder die mitgebrachte Brotzeit.

Ich fühle mich fast immer in einem Bereich den ich selbst vergleichsweise gut überblicken kann und dabei bleibt meist noch Raum für Fehler. Das Leben und speziell der Sport in den freien Natur an sich beinhaltet aber immer ein gewisses Restrisiko, dem man sich natürlich nicht entziehen kann und das man nicht kontrollieren kann. Nehmen wir hierzu beispielsweise den Umgang mit der Lawinengefahr. Hier haben Wissenschaftler Methoden entwickelt, und wenn ich mich als Freerider an diese entwickelten Spielregeln halte, dann ist das Risiko in einer Lawinen zu verunglücken etwa ähnlich hoch bzw. niedrig, wie das Risiko während der nächsten Autofahrt einen fatalen Unfall zu haben.

Das Wichtige ist meiner Meinung, dass man seine persönlichen Stärken und Schwächen kennt, die Risiken bewerten kann und dann die Entscheidungen trifft, die man mit seiner persönlichen Risikoabwägung vertreten möchte. Dann kann man den Spaß so richtig genießen!



Elle:
Ein besonderer Wunsch von dir war und ist es, den Menschen die Erlebniswelt Schnee näher zu bringen und das „weiße Pulver“ schmackhaft zu machen. Mit weiteren Autoren hast du das Buch „PowerGuide – Die besten Freeridegebiete der Alpen“ herausgebracht. Was sind die Hintergründe und was erwartet den Leser?

Marius:

Das Buch ist in Zusammenarbeit mit knapp 30 Autoren und über 40 Fotografen entstanden, die alle vom „Fach“ sind. Gerade die Fotografenkollegen zählen zu den Besten, die man in Wintersportbereiche so findet.

Die Intention war es ein Guidebuch zu schreiben, das die besten Spots der Alpen zum Freeriden zusammenfasst, an denen man diesen wunderbaren Sport ausüben kann. Da ich die letzten Jahre sehr viel in den verschiedenen Regionen der Alpen unterwegs war und auch weiterhin gute Freeridespots suche, lehne ich mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass uns das mit den vielen Beitragenden doch ganz ordentlich gelungen ist. Wichtig war uns auch, dass es Spaß macht das Buch zu lesen und dass das visuelle Vergnügen nicht zu kurz kommt. Eine Aneinanderreihung von reinen Informationen fanden wir dem Sport, den wir in der schönen und freien Natur ausüben, nicht angemessen und haben hierauf besonderen Wert gelegt.

Ich hoffe, dass viele Wintersportler mit den darin beschriebenen Routen und Informationen eine tolle Zeit in den Bergen haben, oder sich zumindest vom Wohnzimmertisch zuhause in die wunderbare winterliche Bergwelt entführen lassen.

Zu bestellen hier!

Elle:
Ich bedanke mich vielmals für dieses Interview und wünsche dir, sowohl beruflich als auch im sportlichen Sinne, Hals- und Beinbruch!! Oder gibt es noch einen COOLeren und üblichen Spruch bei euch „Schneehüpfer“?

Marius:
Was coole Sprüche angeht und was in der Szene gerade hip ist, da bin ich leider nicht ganz auf dem Laufenden (*lacht*). Aber es gibt einen – zugegeben etwas uncoolen – Spruch, an den man sich als Risikosportler besser einmal zu oft als zu wenig erinnern sollte: „No risk no fun – no limit no life!“



Elle:
Aus welcher Feder stammt dieses schöne Gedicht?

Marius:

Das Gedicht stammt aus dem Lied „Snowflakes“ von White Apple Tree, das auch Titelsong zu Till Schweigers Kinohit „Kokowääh“ war. In dieser freien Zusammensetzung fand ich es ganz passend zu einer ruhigen Schneestimmung, wie sie während eines starken Schneefalls anzutreffen ist. Während ich spät abends am Flussufer auf dem schneebedeckten Fußgängerweg entlanglief, sah ich den münzgroßen Schneeflocken zu und beobachtete wie sie im stimmungsvollen Abendlicht der Straßenlaternen tanzten. Bei diesem Spaziergang habe ich nur fröhliche Menschen gesehen und mich an dieses Lied erinnert.

White Apple Tree – Snowflakes

A snowflake falls unto my cheek
As I wake up from a distant sleep
I stand up dazed as I look around
What is this place that I have found?

The wind it chills as it fills the sky
The neighbors smile as I walk by
It is all so calm in this cold night air
Where the people sing without care

Feeling like I know the words
Of a song I have not wrote
A song of Love, A song of Hope
A song that guides me down this road

copyright frontpicture by Knut Pohl
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