Thomas Wirthensohn – HOMME LESS

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Hier handelt es sich nicht um einen Schreibfehler, sondern um ein Wortspiel, welches gerade mal in zwei Worten den Inhalt des spektakulärem Dokumentarfilms des österreichischen Filmemachers Thomas Wirthensohn anschneidet.

Vom Tellerwäscher zum Millionär, alles ist scheinbar möglich in der pulsierenden acht Millionen Stadt New York, die Stadt der vielen Möglichkeiten wird sie auch charmant genannt. Doch so schillernd diese Stadt auch sein mag, so viele Abgründe birgt sie auch. Ein Land, zwei Welten – ein Leben im Scheinwerferlicht und auf der Schattenseite. Wie viel Amerika steckt wirklich im Alltag von uns allen? Die Schere zwischen Arm und Reich klafft stetig weiter auseinander und die Mittelschicht schwindet von Jahr zu Jahr.

Hier lebt auch Mark Reay, er ist gutaussehend, charmant, redegewandt, gebildet und arbeitet im schillernden Licht der renommierten Mode- und Filmbranche. Zumindest tagsüber führt er ein scheinbar gut situiertes Leben. Der Druck der heutigen Gesellschaft erfolgreich und wohlhabend zu sein, mithalten zu können, zwingt viele eine Fassade zu errichten, um als Mitglied der Gesellschaft bestehen zu können.

Mark führt ein Doppelleben und vollzieht jeden Tag/Nacht eine Gratwanderung zwischen einer glamourösen Welt und dem Albtraum obdachlos zu sein.

Thomas Wirthensohn ist in Österreich geboren und aufgewachsen. Nach seinem Abschluss der Wirtschaftsschule, bereiste er als Model, später als autodidaktischer Fotograf, Kameramann und Regisseur die Welt. Wien, Paris, Mailand, Barcelona, London, San Francisco und von dort nach New York, hier lebt er seit 2008, in der faszinierenden Stadt New York, die ihn unentwegt inspiriert, hier sammelt er seine internationale Erfahrungen im Filmgeschäft und in der Fotografie.

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Elle:
Mark stammt aus einer fünfköpfigen Familie aus New Jersey, nach seinem Wirtschaftsstudium am „College Of Charleston“ in South Carolina und seiner Arbeit als Importeur in New Jersey, zog es ihn für vier Jahre als Model durch Europa. Im Jahr 1994 nahm er zurück in der USA Schauspielunterricht und begann seine Arbeit als Fotograf. 2000 zog es ihn wieder zum Modeln nach Europa. Seit 2007 arbeitet er u. a. als Fotograf für das Magazin „Dazed and Confused“ in New York. Sie haben Mark Reay durchs das Modeln in den 80er kennengelernt. Wie kam es dazu, dass Mark dann eine Zeit später zur Hauptperson in Ihrem Dokumentationsfilm wurde?

Thomas Wirthensohn:

Mark und ich kennen uns schon seit den späten 80igern, als wir bei derselben Modelagentur in Wien unter Vertrag waren. Als ich 2009 nach New York gezogen bin, haben wir uns wieder getroffen und in einer Bar bei ein paar Drinks hat er mir seine Geschichte erzählt. Ich war schockiert und fasziniert zugleich, wusste aber sofort, dass ich einen Dokumentarfilm über sein Leben am Dach machen wollte. Eine Woche später hat er zugesagt und wir haben sofort angefangen zu filmen.

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Elle:
Sie griffen nach der Canon 5 D Mark II und einem Sound Recorder, um sich an die Aufgabe zu machen, das Leben des Mark Reay zu dokumentieren. Zu Beginn stand Ihnen keine Produktionsfirma zur Seite. Wie darf man sich das Vorgehen zu Ihrem Debütfilm HOMME LESS vorstellen?

Thomas Wirthensohn:

Ganz einfach. Just do it. Ich habe mich Hals über Kopf in das Projekt gestürzt. Über eine Produktion oder Finanzierung habe ich erst später nachgedacht. Auch wollte und konnte ich nicht wirklich jemanden als Hilfe von Aussen hinzuziehen. Ich entschloss mich alles, so wie ich es selbst zum ersten Mal sehe, aufzunehmen und zu filmen. Dadurch entstand eine ungefilterte und spontane Dynamik zwischen Mark und mir, die sich, glaube ich, im Film widerspiegelt.

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Elle:
Sein Leben frei und selbstbestimmt zu leben ist wohl der Traum aller. In drei Jahren Dreharbeiten, bei der über 300 Stunden Filmmaterial zusammenkam, haben Sie das Leben von Mark Reay festgehalten. Sie verbrachten viele Tage und Nächte an der Seite von Mark Reay. Sicherlich waren für Sie auch viele bedrückende Situationen dabei, die sie kaum in Worte fassen können. Wie empfanden Sie persönlich diese Form des Doppellebens?

Thomas Wirthensohn:

Ein Doppelleben wie das von Mark war für mich zunächst unfassbar. Es erfordert sehr viel Mut, Disziplin, viel Kraft und auch eine Portion Unverfrorenheit, um so leben zu können. Und natürlich auch einen gut funktionierenden Verdrängungsmechanismus. Ich denke, wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft, in der viel auf das äussere Erscheinungsbild Wert gelegt wird und weniger auf das, was sich dahinter verbirgt. Dass immer mehr Menschen in den USA in eine Situation gedrängt werden, in der sie sich trotz Job keine Unterkunft leisten können, ist schlichtweg ein Skandal.

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Elle:
Um solch eine außergewöhnliche Dokumentation zu machen, in der man sein Geheimnis preisgibt, braucht es viel Vertrauen. Fühlen sie beide sich nach dem Dreh verbundener als zuvor?

Thomas Wirthensohn:

Auf jeden Fall. HOMME LESS ist mein erster Dokumentarfilm. Ich bin Mark zutiefst dankbar, dass er mir das Vertrauen geschenkt hat, seine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Der Film hat uns sicher näher gebracht und es ist eine tiefe Verbundenheit dadurch entstanden. Wir haben auf der Festivaltour von HOMME LESS, die uns ja auch beide nach Deutschland gebracht hat (Hofer Filmtage) viele schöne Momente erlebt und interessante Menschen kennengelernt.

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Elle:
Gab es eine Situation während des Drehs, die Sie an einen Punkt gebracht hat, an dem Sie darüber nachdachten, die Doku nicht fertigzustellen?

Thomas Wirthensohn:

Ich glaube in jedem kreativen Prozess oder langjährigem Projekt gibt es Momente, in denen man an’s aufgeben denkt. Es gab Situationen, in denen ich nicht mehr an eine Fertigstellung in der Art wie ich es mir vorgestellt hatte, glaubte. Auch war die Finanzierung des Filmes schwierig. Durch dieses Nadelöhr muss man durch und solange man weiter mit Herzblut dabei ist, wird es auch gelingen.



Elle:
Auch hier in Deutschland ist die Form des Multijobbers kein Einzelfall mehr, viele schlagen sich mit zwei oder sogar drei Jobs durch den Alltag. Auch Mark ist neben seiner Tätigkeit als Fotograf mal Komparse oder tritt in einer Minirolle in Großproduktionen auf. Wie hat sich das Leben von Mark Reay nach der Dokumentation verändert?

Thomas Wirthensohn:

Nicht sehr viel, ausser dass er nicht mehr am Dach lebt. Mark wohnt jetzt zeitweise bei einem Freund in Manhattan und bei seiner Mutter in New Jersey. Er verfolgt weiter seine Karriere als Schauspieler und Fotograf. Angebote aus Hollywood gibt es allerdings bis dato noch keine.

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Elle:
Sie dürfen stolz auf Ihr Werk sein, der Trailer vermittelt bereits einen ersten Eindruck, wie bewegend und kontrovers das Leben von Mark Reay ist. Was sind Ihre Pläne? Wird es eine Fortsetzung, ein Ongoing-Projekt mit neuen Protagonisten geben? Oder sogar eine Fortsetzung, wie sich sein Leben weiterentwickelte?

Thomas Wirthensohn:

Mark und ich scherzen ab und zu darüber und verkünden, dass wir einen zweiten Teil in 3D herausbringen werden. Ich werde mich auf jeden Fall weiter mit dem Thema Dokumentarfilm beschäftigen und arbeite auch schon an ein paar Themen, die allerdings noch nicht spruchreif sind. Eine Fortsetzung von HOMME LESS wird es allerdings voraussichtlich nicht geben.

Elle:
Herzlichen Dank für das informative und umfangreiche Interview und diesen beeindruckenden Film!

Weitere Informationen zu HOMME LESS findet Ihr auf dessen Webseite und um up-to-date zu bleiben folgt HOMME LESS auf Instagram und Facebook
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